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GRenzerfahrung | Teil 4

GRenzerfahrung | Teil 4      10.08.17

In der vergangenen Woche sind in Griechenland 433 Menschen angekommen. In diesem Jahr sind mindestens 45 Menschen bei der illegalen Überfahrt zu den griechischen Inseln ertrunken. Am häufigsten fliehen sie vor dem weiterhin andauernden Krieg in Syrien, der politischen Unsicherheit im Irak und vor ethnischer Verfolgung in Afghanistan.

Wir möchten in den kommenden Wochen aus Griechenland berichten. Wir sind mit der Organisation Intereuropean Human Aid Association (IHA) in Thessaloniki, im Norden Griechenlands. Diese fünf Wochen sind für uns eine GRenzerfahrung, von der wir Euch gerne erzählen möchten.


Wir sitzen auf dem harten Boden des Fußballplatzes in Epanomi, den Blick auf das Bettlaken gerichtet, das zwischen den Torpfosten hängt. Alle versorgen sich mit Popcorn und dann kann es endlich losgehen: Kinoabend in Epanomi. Etwa 40 Zuschauer*innen sehen „Mr. Bean“ – vor allem Kinder haben eine Freude an dieser willkommenen Abwechslung von den langen Tagen in Epanomi. Von den Balkonen der Apartments aus hat man ebenfalls einen guten Blick auf die Leinwand. Warum also in den Staub setzen, wenn man doch gemütlich auf einem Stuhl „zuhause“ den Film verfolgen kann. Die arabischen Untertitel unterstützen den englischsprachigen Film. Es ist ein gelungener Filmabend, den die IHA hier organisiert hat.

Aber unsere Gedanken schweifen immer wieder ab. Die Kinder, die wir beobachten, haben Dinge in ihren Leben erfahren müssen, die wir niemandem wünschen und auch nicht verstehen können. Es sind traumatisierende Erfahrungen von Krieg und Gewalt – teilweise an eigenem Leib erfahren. Die eigenen Eltern, die erschossen worden sind, Kinderarbeit in der Türkei oder die nicht vorhandenen Schuljahre. 19.000 Kinder leben als Flüchtlinge in Griechenland. Sie haben keinen Zugang zum griechischen Schulsystem. In Epanomi findet lediglich stundenweise Unterricht statt. Die Kinder werden im politischen Kontext als eine „vulnerable Gruppe“ aufgeführt, die besonderem Schutz bedürfen; wir beobachten Probleme unter den Kindern wie mangelhafte Aufmerksamkeit und ein hohes Bedürfnis nach Nähe. Durchschnittlich verlieren Kinder auf der Flucht 2,5 Jahre ihrer Schulbildung. Ein Kind, das im Alter von 15 Jahren fliehen muss, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder eine Schule besuchen.

Hinzu kommt eine besondere Gruppe: die sogenannten „unbegleiteten Minderjährigen“. Etwa 2.300 dieser zumeist Jugendlichen leben in Griechenland. Die Dunkelziffer ist wohl weitaus höher. Sie haben nicht denselben Zugang zu Geld und als Schutzbefohlene dürfen sie auch nicht mal eben so in einem Auto zu einem Deutschkurs gefahren werden:

„It’s like running in an empty circle, we’re not adults so we can’t work, but they also don’t give us money.“ (Anonym, 17 Jahre alt, geflohen aus dem Irak)

Diese Gruppe von heranwachsenden Menschen ist im Besonderen Gewalt und Missbrauch ausgeliefert (ZeitOnline berichtet darüber). Oftmals fehlen Ansprechpersonen, Geld und vor allem: Vater und/oder Mutter. Daneben sind es die Eltern, die oftmals überfordert sind mit den Situationen der eigenen Kinder. Wie würdest Du Deinem Kind erklären, dass es völlig unklar ist, wo und wann ein Asylgesuch beantragt werden kann? Wie lange werden diese Menschen noch in Epanomi leben? Werden sie sich an diese Zeit später erinnern?

Der Film ist zu Ende. Es wird geklatscht und „Mr. Bean“ verabschiedet sich in einer letzten lustigen Szene. Es war ein Erfolg und das Filmprojekt der IHA wird auch in den kommenden Wochen die Menschen in Epanomi für eine kurze Zeit in eine andere Welt bringen.

Zum Weiterlesen:

Wie muss man sich eine Flucht aus Syrien vorstellen? Traurige Bilder einer Filmdokumentation: http://blog.zeit.de/teilchen/2017/08/04/syrien-fluechtlinge-reise-europa/

Die Migrationsforscher Paul Collier und Alexander Betts haben ein Buch vorgelegt, dass auf die Situation „gestrandeter“ Flüchtender hinweist. Hier ein Interview mit Alexander Betts: http://taz.de/Fluechtlingsforscher-ueber-Integration/!5395721/

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