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GRenzerfahrung | Epilog

GRenzerfahrung | Epilog      17.08.17

Auch in der vergangenen Woche sind in Griechenland 478 Menschen angekommen. In diesem Jahr sind bereits mindestens 45 Menschen bei der illegalen Überfahrt zu den griechischen Inseln ertrunken. Am häufigsten fliehen sie vor dem weiterhin andauernden Krieg in Syrien, der politischen Unsicherheit im Irak und vor ethnischer Verfolgung in Afghanistan.

Wir haben in den letzten Wochen aus Griechenland berichtet. Diese fünf Wochen waren für uns eine GRenzerfahrung, die wir nie wieder vergessen werden.

Es ist so einfach, ein Flugzeug zu besteigen und entlang der sogenannten Balkanroute nach Deutschland zu fliegen. Es ist aber nicht für alle Menschen derart einfach. Nachdem wir Thessaloniki und unsere Freundinnen und Freunde in Nordgriechenland hinter uns gelassen haben, fühlen wir uns ohnmächtig: Es gibt noch so viel zu tun und wir haben noch so viele Fragen. Es ist ein Gefühl der Trennung, das uns einnimmt.

Wir durften so viele Erfahrungen machen, die wir jedem Menschen in Europa wünschen. Europa ist in unseren Augen keine Insel der Glückseligen, sondern ein Zufluchtsort für Menschen, die vor Gefahren für Leib und Leben fliehen. Ist Europa aber wirklich ein Ort der Toleranz, ein sicherer Austauschort für kreative Ideen und vielfältige Möglichkeiten? Die europäischen Grenzen sind nur für ausgewählte Menschen passierbar. 28 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer sehen wir uns erneut mit einer Ausgrenzung konfrontiert, die legale Wege durch Abkommen mit der Türkei und einem europäischen Asylverfahren jenseits humanitärer Möglichkeiten behindert. Herkunft darf in unseren Tagen kein Schicksal mehr sein! Wir fragen uns, was wir wohl unseren Kindern erzählen müssen, wenn sie nach diesen Jahren fragen werden.

Wir haben so unterschiedliche Menschen getroffen und kennenlernen dürfen. Voluntär*innen, Koordinator*innen, Menschen aus allen Teilen Europas – allesamt mit dem gleichen Ziel, den Menschen in ihrer hilfsbedürftigen Lage zu helfen. Wir haben zusammen gekocht, Gemüse verteilt, gelacht, getanzt, Geburtstag gefeiert und diskutiert. Wir alle haben unterschiedliche Pässe, unterschiedliche Berufe und unterschiedliche Interessen – aber wir verstehen, dass Europa uns in diesen Tagen braucht. Wir haben auch Menschen aus Syrien, aus Afghanistan und dem Irak kennenlernen dürfen. Wir haben von ihren Gründen erfahren, weshalb sie ihre Heimatländer verlassen mussten, haben Bilder aus ihren Dörfern und Städten gesehen und Geschichten von ihren Familien gehört. Die Zukunft vieler dieser Menschen liegt aber in den Händen von anderen: Staaten, Sachbearbeiter*innen oder sonstigen politischen Entscheidungsgremien. Die Zukunft ist nicht, was sich diese Menschen selbst ausdenken oder gar einen Einfluss darauf haben. Viele der Flüchtlinge sind handlungsunfähig.

Umso schöner zu sehen, dass viele Sprachkurse oder Workshops zur Erstellung von Bewerbungsunterlagen besuchen; dass sie uns dabei helfen bei Essensverteilungen zu übersetzen und uns danach sogar zum Essen in ihre eigenen Unterkünfte einladen. Wir können rückblickend sagen: Das, was wir gegeben haben, wurde uns auch zurückgegeben. Die Flüchtlinge sind keine Zahlen auf den Informationsplattformen von IOM oder UNHCR, sondern Menschen mit Biografien, Eltern mit Sorgen um ihre Kinder und Kinder mit Träumen. Sie sind keine Flucht-Figuren ohne Individualität und Charakter, sondern Menschen, die wir jedoch so sehr in ihrer Natürlichkeit einschränken. Die Philosophin Hannah Arendt hat 1943 in einem einflussreichen Essay ihre Situation als Flüchtende folgendermaßen beschrieben: „Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind. […] und genau das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.“

Man kann dieses Zitat nachvollziehen, wenn man in Epanomi, Larissa oder im Camp bei Drama steht. So viele Begegnungen äußern sich in der Form einer Abhängigkeit. Doch der Handschlag als Dank für das Gemüse oder das kurze Gespräch äußern den europäischen Gedanken des Miteinander und Füreinander. Solidarität mit den flüchtenden Menschen ist keine Selbstverständlichkeit. Deshalb danken wir allen, denen wir in Nordgriechenland begegnet sind – jeder dort leistet eine herausragende Arbeit, die viel zu wenig Anerkennung erhält. Die gemeinsame Arbeit macht uns Hoffnung, dass wir dieses füreinander Dasein in Zeiten der Not nicht ausschließlich den politischen Organisationen überlassen und schon gar nicht als Lösung noch mehr Grenzzäune hochziehen. Wir sind davon überzeugt, dass sich bereits im eigenen Umfeld Lösungsansätze für Ursachen und Gründe von Flucht und Migration umsetzen lassen: Der nachhaltige Umgang mit ökonomischen und ökologischen Ressourcen und das Anerkennen von Konsequenzen des eigenen Handelns auf das Dasein anderer Menschen. Viele Menschen erkennen diese Möglichkeiten des humanitären Miteinander an. Von Thessaloniki bis nach Freiburg über London und weiter nach Lissabon kennen wir nun Menschen, die sich dieser Herausforderung stellen. Diese Hoffnung nehmen wir mit nach Hause und werden allen davon berichten.

Wir möchten uns bei allen bedanken, die wir in Nordgriechenland getroffen haben. Allen Koordinator*innen der IHA gilt ein gesonderter Dank für die unzähligen Stunden, die sie sich für diese humanitäre Arbeit einsetzen. Unser Dank gilt außerdem den Menschen der IHA, die im Hintergrund arbeiten und sich unermüdlich und ehrenamtlich für flüchtende Menschen in Not einsetzen.

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