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Die IHA beim Kulturfestival Wannda

Der EU-Türkei-Deal und seine Folgen

Der EU-Türkei-Deal ist vor mehr als einem Jahr in Kraft getreten. Welche Konsequenzen hatte das Flüchtlingsabkommen für die Flüchtlinge? IHA-Koordinator Moritz Reitschuster, gerade zurück aus Thessaloniki und der Insel Chios in der Ostägäis, berichtete auf dem Münchner Kulturfestival Wannda von der aktuellen Situation. „Aus den Ankunftsinseln sind Gefängnisinseln geworden. Ich habe Menschen getroffen, die auch schon vor einem Jahr dort gewartet haben.“ In das kleine Zirkuszelt im ehemaligen Viehhof waren knapp 40 Teilnehmer gekommen, um ihm, aber auch dem afghanischen Journalisten Samim Azad zuzuhören, der im November 2015 aus Masar-i-Scharif geflüchtet war.

„Ein gesetzloses Umfeld“

 „Wenn wir in einem sicheren Land leben würden, würden wir doch unser Land nicht verlassen“, sagte Samim Azad. „Warum sollte jemand sein schönes Haus verlassen, um in einem Zelt zu leben?“ Der 27-Jährige hatte als Fernsehjournalist gearbeitet, doch das Risiko und seine Angst seien Ende 2015 zu groß geworden. Gerade Masar-i-Scharif mit seinem Militärstützpunkt müsse doch einer der sichersten Ort in Afghanistan sei. Als Samim Azad im Wannda-Zelt spricht, ist der Taliban-Anschlag auf die Kaserne nahe Masar-i-Scharif mit 140 Toten nur wenige Tage her. „Es ist ein gesetzloses Umfeld, es ist nicht klar, wer ist Feind, wer ist Unterstützer. Wir wissen nicht, wer zu den Taliban gehört.“ Das seien normale Leute, nicht einfach an langem Bart und Turban zu erkennen. Er habe „eigentlich für meine Zukunft“ Geld gespart gehabt. Diese Geld hat ihm im November die Flucht ermöglicht. 14 Tage ist er unterwegs, sein Pferd stürzt im tief verschneiten kurdischen Bergland ab, durch den Iran geht es weiter über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien nach Österreich, nach Deutschland. „Welches Bild hattest Du von Deutschland?“, fragt IHA-Administrator Jonas Schröter. „Ich hatte nicht gedacht, dass mein Ziel Deutschland ist“, ist die Antwort.
Samin lebt nun in einer kleinen Stadt im Landkreis Eichstätt, kein Deutschkurs, keine Ausbildung, im Oktober 2016 war seine Anhörung beim BAMF, er wartet auf die Antwort. „Ein großes Problem ist die Unkenntnis der Menschen in Afghanistan. Sie wissen nichts über ihre Rechte. Sie sind müde von den Kämpfen, sie haben keinen Mut, keine Kraft dagegen aufzustehen.“

Auf eine tödliche Route gezwungen

Mit der Schließung der Balkanroute seien die Flüchtlinge auf den viel gefährlicheren und tödlicheren Weg über Libyen nach Italien gezwungen worden. „Es ist erst Ende April und es gibt bereits 926 Tote. 2017 scheint eines der tödlichsten Jahre zu werden“, berichtete der IHA-Koordinator. Bereits vor dem Inkrafttreten des Deals am 20. März 2016 seien 57.000 Menschen in Griechenland gestrandet. Wer sich früher ein Fährticket kaufen konnte, hatte nun die Wahl zwischen einer Rückführung in die Türkei oder einem Asylantrag in Griechenland. Die EU versprach in Anbetracht der akuten Notlage innerhalb von 2 Monaten 20.000 in Griechenland Gestrandete in andere EU-staaten umzusiedeln. Das geschah jedoch nie. Nach den zwei Monaten waren es erst ein paar Hundert, selbst ein ganzes Jahr später erst 10.000. So befinden sich heute noch offiziell 48.000 Flüchtlinge in Griechenland, dazu kommen noch einige Tausend, die nicht registriert sind Während die Unterbringung auf dem Festland in Nordgriechenland auch dank EU-Geldern („wohin das ganze Geld genau geflossen ist, ist nicht klar.“) inzwischen adäquat sei, sei die Situation auf den Inseln desolat. „Hunderte leben in ganz einfachen Zelten – und das seit Monaten.“

„Die IHA will Lücken schließen, die von staatlicher Seite bzw. von den großen NGOs nicht geschlossen werden können“, betonte Moritz Reitschuster. „Wir wollen Kontinuität schaffen und vernetzen und vermitteln und stehen in ganz Europa in Kontakt zu kleinen Gruppierungen.“ Er gab den Zuhörern einen Einblick über die bisherige und aktuelle Arbeit. Die IHA ist seit über einem Jahr in Nordgriechenland präsent, mit derzeit zehn bis 15 Freiwilligen und zwei Fahrzeugen. Zusammen mit der Organisation Truck Shop wurde eine mobile Kleiderausgabe eingerichtet, denn, so Moritz: „Kleidung hat für die Hilfsorganisationen keine Priorität. Wir haben für die Verteilung ein respektvolles System entwickelt, das den Menschen – wenn auch nur im Kleinen – ihre Entscheidungsfreiheit zurückgibt.“ Diese Philosophie der aktiven Einbindung wird auch in dem Obdachlosen-Projekt deutlich. Ein iranischer Flüchtling hatte Helfer der IHA angesprochen, um Hilfe für obdachlose Geflüchtete organisieren zu können. Zusammen mit ihm wurde ein Projekt initiiert, die Menschen werden nun mit Essen, Kleidung und Decken versorgt, auch griechische Obdachlose sind darunter.

Jonas Schröter wirbt am Ende der Vorträge dafür, sich zu engagieren. „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Leuten.“